Stressabbau für das Wild im Staatswald

Markierung einer Wildruhezone im Schönbuch (Foto:ForstBW)

Eine Absperrung im Naturpark Schönbuch (Bild: ForstBW)

02.02.2022 - Max Reger, Vorstandsvorsitzender von ForstBW: „Gerade im Winter reagieren unsere heimischen Wildtiere besonders sensibel auf Störungen. Deshalb bitten wir unsere Waldbesucher:innen um Rücksicht. Wer auf den Wegen bleibt und seine Hunde im Zugriffsbereich hält, vermeidet schädlichen Stress für das Wild.“ 

 

Wer im Spätwinter und angehenden Frühjahr in den Staatswäldern von ForstBW unterwegs ist, trifft an manchen Stellen auf zeitlich begrenzte oder auch dauerhafte Wegsperrungen oder Hinweisschilder auf die Ruhebereiche von Wildtieren.

 

So auch im Schönbuch, einem Naturpark mitten im Land. Im eingezäunten Bereich des Waldgebietes findet man immer wieder Schilder, die auf Wildruhezonen hinweisen.  Dr. Rudi Suchant, Abteilungsleiter des Wildtierinstituts der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA): „Werden Wildtiere durch menschliche Aktivitäten gestört, ändern sie nicht nur ihr Verhalten, sondern reagieren auch mit körperlichen Veränderungen. Unter anderem werden mehr Stresshormone ausgeschüttet und der Herzschlag passt sich an.“ Häufig flüchten die Tiere, wenn sie gestört werden, und verbrauchen dabei sehr viel Energie. Passiert das in einzelnen Bereichen des Lebensraumes regelmäßig, meiden sie diese Regionen künftig. Der Raum, der dem Wild dann noch zur Verfügung steht, schrumpft. Das kann sich langfristig auf die körperliche Verfassung und die Fortpflanzung der Tiere auswirken. Gerade für Rotwild, das unter anderem in den Staatswäldern im Schwarzwald und Schönbuch vorkommt, ist es immens wichtig, dass es ungestört äsen und wiederkäuen kann.

 

Wildruhezonen nach Landeswaldgesetz

Rotwild und andere Wildarten benötigen Rückzugsmöglichkeiten, in denen sie ganzjährig ungestört ihrem natürlichen Tagesrhythmus nachgehen können. Deshalb wurden mit Verordnung des Regierungspräsidiums Tübingen vom 14.08.2008 auf Grundlage von § 38 Abs. 1 Satz 4 LWaldG insgesamt 5 Wildruhezonen im Schönbuch mit einer Größe von rund 550 Hektar ausgewiesen. Diese Gebiete dürfen Waldbesuchende während des ganzen Jahres nur auf den befestigten und besonders gekennzeichneten Wegen betreten. Wer vorsätzlich oder fahrlässig die gesperrten Wildruhegebiete betritt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Zwingen Störungen das Rotwild, räumlich auszuweichen, kann dies dazu führen, dass die Tiere nicht mehr an ihre bevorzugten Äsungsflächen kommen. Um diesen Mangel auszugleichen, greifen sie verstärkt auf Nahrung zurück, die sich im Wald auch im Winter findet: Knospen und Rinde junger Bäume.  Die Schäden, die das Rotwild durch seine Nahrungsumstellung an den Knospen und Rinden verursacht, bereiten der Waldwirtschaft Probleme. Die Bäume wachsen langsamer oder sterben ab. Dadurch können sogar ganze Baumarten aus einzelnen Gebieten verschwinden. In Zeiten des Klimawandels ist der Waldumbau im Staatswald hin zu stabileren Baumarten an vielen Stellen jedoch eine der wichtigsten Aufgaben von ForstBW.

 

Schneller Erfolg der Wildruhezonen im Staatswald

Im Schönbuch zeigte sich der Erfolg der Wildruhezonen schnell. Auf diesen Flächen stellte das Rotwild innerhalb weniger Jahre seinen Rhythmus um und ist inzwischen tagaktiv.  Auch Waldbesuchende bekommen das Wild dadurch manchmal an ausgeschilderten Beobachtungspunkten zu Gesicht. Götz Graf Bülow von Dennewitz, Leiter des Forstbezirks Schönbuch erklärt: „Die Wildruhezonen werden von der überwiegenden Mehrheit der Waldbesuchenden akzeptiert. Es gibt im Bereich der öffentlichen Beobachtungspunkte sogar eine Art Sozialkontrolle, da die Tierbeobachter:innen natürlich keine Störungen dulden. Umgekehrt scheint sich das Rotwild an die Besucher zu gewöhnen, sofern deren Verhalten über Besucherlenkung für das Wild berechenbar bleibt.“ Weitere Wildruhezonen findet man im Südschwarzwald (ca. 2.000 ha im Kommunal- und Staatswald) sowie im Nordschwarzwald. Im Südschwarzwald kommen auf den Staatswaldflächen am Rohrhardsberg auch temporäre Ruhebereiche zum Einsatz. Dort sperrten die ForstBW-Mitarbeiter:innen bereits im Frühjahr des vergangenen Jahres mehrere Wege, die durch besonders sensible Bereiche führen. Der Grund für diese Umleitungen ist die Balz des Auerwildes. Die seltenen Vögel reagieren gerade während ihrer Paarungszeit sehr empfindlich auf Störungen. Diese Maßnahme hat sich als sehr erfolgreich herausgestellt.

 

Auch in anderen Waldgebieten die Rückzugsorte des Wildes respektieren

Auch in Waldgebieten, die nicht offiziell gesperrt sind, sollten Waldnutzer:innen nicht grundlos die Wege verlassen und durch das Unterholz streifen. Besonders unangenehm für Wildtiere sind unvorhergesehene Störungen. Dazu gehören auch frei herumstreunende Hunde und Aktivitäten bei Dämmerung und in der Nacht. Gerade in den Wintermonaten ist die Nahrungsverfügbarkeit stark reduziert. Das Futter, welches das Wild findet, bietet wenig Nährstoffe und ist häufig von Schnee bedeckt. Zeitgleich müssen die Tiere mehr Energie aufwenden, um ihre Körpertemperatur aufrecht zu erhalten. Um die fehlende Energie auszugleichen, senken sie beispielsweise die Herzschlagrate, drosseln den Stoffwechsel und bewegen sich nur wenn nötig. Wird ein Wildtier in dieser Zeit aufgeschreckt, muss es alle Körperfunktionen in kürzester Zeit hochfahren. Sollte auch noch Schnee liegen, wird jede Bewegung deutlich anstrengender. Jede Flucht verringert somit die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wildtier genügend Energiereserven zur Verfügung hat, um den Winter zu überstehen.  Gerade weil unsere Wälder bei Erholungssuchenden nicht erst seit Pandemiezeiten immer beliebter werden, appelliert ForstBW an das Verständnis für die verschiedenen Funktionen und Aufgaben des Waldes. Dazu gehört insbesondere, dass Ruheräume des Wildes beachtet und respektiert werden: Wildruhezonen sind quasi das Wohnzimmer des Wildes – und wer möchte schon gerne durch die eigene Wohnung gescheucht werden?

 

Weiterführende Informationen finden Sie in dieser Broschüre der FVA (Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg):

https://www.fva-bw.de/fileadmin/user_upload/Abteilungen/FVA-Wildtierinstitut/Broschure_Wildtiere-und-Freizeitaktivitaten_2-Auflage_2018_01_low.pdf

 

Über ForstBW

Die Anstalt öffentlichen Rechts Forst Baden-Württemberg (ForstBW) arbeitet seit dem 01.01.2020 als eigenständiges Unternehmen. ForstBW trägt die Verantwortung für die Bewirtschaftung von über 324.000 ha Staatswald - das entspricht einem Viertel der Waldfläche Baden-Württembergs- und ist damit der größte Forstbetrieb des Landes. ForstBW setzt sich zum Ziel ökologisch vorbildlich, sozial ausgewogen und ökonomisch erfolgreich zu arbeiten. Im Sinne des Waldes und der Menschen bildet das Prinzip der Nachhaltigkeit die Grundlage unserer Tätigkeit. Dazu tragen landesweit ca. 1.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei. Die naturnahe und nachhaltige Bewirtschaftung des Staatswaldes durch den Landesbetrieb ForstBW ist FSC® (C120870) und PEFC zertifiziert. Seit dem 01. Oktober trägt ForstBW zudem das Gemeinwohl Ökonomie Zertifikat. 

 

Pressekontakt:

Sascha Bahlinger

Öffentlichkeitsarbeit ForstBW

pr(at)forstbw.de