Der erste Totholzgarten in Baden-Württemberg wird im Schwetzinger Hardt eröffnet

05.11.2020 - Anfang November wurde der erste Totholzgarten in Baden-Württemberg in der Schwetzinger Hardt eröffnet. Die Schwetzinger Hardt liegt im nördlichen Oberrheinischen Tiefland und ist mit ihrer 3.125 ha großen Waldfläche seit 2013 als Regionales Waldschutzgebiet (ca. 1285 ha) mit angegliedertem Erholungswald (ca. 1840 ha) ausgewiesen.

Das Waldschutzgebiet erklärt Dr. Matthias Rupp der FVA Freiburg dient mit seiner für die Region typischen Kulturlandschaftsgeschichte als Modellregion für den Aufbau einer landesweiten Konzeption zum Erhalt und zum Aufbau lichter Wälder. Das Schutzgebiet mit seinen markanten Dünenzügen und Flugsandfeldern ist einerseits für den Arten- und Naturschutz von überregionaler Bedeutung und andererseits das bedeutendste Naherholungsgebiet im Rhein-Neckar-Raum, das eine nachhaltige Holzproduktion bei gleichzeitiger naturnaher Waldbewirtschaftung sicherstellen soll. Diesen Anforderungen gilt es gerecht zu werden, weshalb das Schutzgebiet in verschiedene Zonen aufgeteilt worden ist: Bann- und Erholungswälder stehen gleichzeitig neben Schonwäldern, in denen die Erhaltung und Weiterentwicklung der lichten Kiefernwälder und offenen Sandrasengesellschaften im Vordergrund stehen.

Die Idee zur Einrichtung eines Totholzgartens als weiteres Mosaikstück zur Schaffung verschiedener Lebensräume im Schwetzinger Hardt kam Dr. Matthias Rupp durch ein vergleichbares Projekt in Schwabach. Was aussieht wie eine wilde Holzhalde ist angefangen von der Wahl eines geeigneten Standorts bis hin zur Aufschichtung der verschiedenen Hölzer und Sträucher ein genau geplantes und konstruiertes Projekt. 

So wurde der Totholzgarten beispielsweise zwischen dem Dünenzug „Hoher Stein“ mit seinem lichten Weißmoos-Kiefernwald und einem trockenen lichten Kiefernwald der sarmatischen Steppe angelegt. Bei letzterem handelt es sich um ein Relikt aus Zeiten als sich zentralasiatische Waldgesellschaften in das Oberrheinische Tiefland ausbreiteten. Diese Art der Kiefernwälder sind besonders geschützte Waldbiotope, von denen es bundesweit nur noch rund 18 ha gibt, wobei die größte zusammenhängende Fläche im Gemeinde- und Staatswald Schwetzinger Hardt liegt. Hier wachsen unter anderem das Dolden Winterlieb, das in der Roten Liste Baden-Württembergs mit der Kennziffer 0 (= verschollen, ausgestorben) geführt ist sowie das ebenfalls stark vom Aussterben bedrohte Grünblütige Wintergrün, dass die Menschen in früheren Zeiten sammelten und als Ostermoos nutzten. 

Im angrenzenden Dünenzug mit mageren und sauren Sandböden haben sich verschiedene Moose und Flechten angesiedelt. Entstanden im 19. und 20 Jahrhundert waren diese lichten Kiefern-Trockenwälder mit Magerrasen aufgrund der Übernutzung der Wälder durch Streunutzung und Waldweide noch sehr verbreitet. Jedoch führten die Sukzession nach Nutzungsaufgabe und die aktive Wiederbewaldung zum Rückzug dieser offenen Lebensräume und damit einhergehend zum Verschwinden verschiedener Arten wie Heidelerche und Sand-Strohblume. 

Im Totholzgarten selbst wurden verschiedene Baumarten wie Rotbuchen, Kiefern, Linden, entwurzelte spätblühende Traubenkirschen und die amerikanische Kermesbeere verbaut. Die mächtigen Stämme bilden dabei eine Art Kammer für die dünneren Gehölze und Sträucher. Durch den Entzug von Licht verkümmern die den Innenraum füllenden Neophyten. Der Holzstapel ist trichterförmig und sich selbst stabilisierend aufgebaut. Somit fallen die von den Xylobionten bearbeiteten und sich zersetzenden Hölzer nach innen und können niemanden verletzen. Im Frühjahr rechnen die Verantwortlichen mit ersten sichtbaren Zeichen einer Besiedelung durch Baumpilze und Käfer, Wildbienen, Echsen und andere Arten. Den Insektenlarven dient das Totholz als Lebensraum während die Adulten Blüten als Nahrung bevorzugen. Es ist deshalb in einem zweiten Schritt geplant, einen blühenden Naturgarten mit Gräsern und Wildblumen anzulegen. Das kontinuierlich durchgeführte Monitoring wird Aufschluss darüber geben, welche Pflanzen und Tiere sich im Laufe der Zeit im Totholzgarten ansiedeln.

Neben dem ökologischen Gesichtspunkt bietet der Totholzgarten auch einen waldpädagogischen Aspekt, denn der Totholzgarten liegt direkt an einem von Waldbesucher*innen stark frequentierten Weg. Über das Jahr hinweg können interessierte Erholungssuchende die Veränderungen am Totholzgarten „live“ miterleben.

 

 

Größtes Binnendünengebiet Süddeutschlands

Ein weiteres Projekt, das kurz vor der Umsetzung steht, ist das größte Binnendünengebiet Süddeutschlands und nimmt pflanzengeografisch eine Sonderstellung ein. In den Jahren zwischen 2013 und 2019 wurden im Verbundprojekt „Lebensader Oberrhein“ der NABU-Landesverbände Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz drei Dünen (Maulbeerbuckel, Saupferchbuckel, Franzosenbusch) auf dem Gebiet geöffnet. Der Forstbezirk Hardtwald plant nun in Zusammenarbeit mit der FVA in den kommenden Wochen eine ca. 1 ha große Sanddüne frei zu legen. Der Baumbestand der Düne, bestehend aus Kiefer und Buche, ist durch die Trockensommer der vergangenen Jahre verloren gegangen. Eine Wiederbewaldung durch Pflanzung ist an diesem Standort wenig erfolgversprechend. Wenn nichts unternommen wird, bleibt eine Fläche mit Kermesbeeren auf dem mit den Samen des Neophyts durchsetzten Boden zurück. Durch die Fällung der noch verbliebenen Bäume und die Abtragung des Oberbodens wird ein Sandlebensraum für hochspezialisierte Pflanzen und Tiere geschaffen. Um die Zielvegetation zu etablieren, sind in den Folgejahren weitere Pflegemaßnahmen notwendig.

Die beiden vorgestellten Projekte „Totholzgarten“ und „Dünenfreilegung“ sind beispielhafte, zur Nachahmung anregende Interventionen des Waldnaturschutzes, die zu einer vergrößerten Biodiversität beitragen und vor dem Aussterben bedrohten Pflanzen und Tieren einen Lebensraum bieten.